Lebenslauf

Thomas Zindel
Salisstrasse 12
7000 Chur +41 79 310 40 31 / thomaszindel@gmx.ch

Thomas Zindel, geboren am 29.02.1954 in Uznach, wächst in Chur auf und besucht 1978 die Kunstgewerbeschule Zürich. 1980 Aufenthalt in Berlin. Bis 1987 lebt Zindel an der Aquasanastrasse in Chur: Hier veranstaltet er von 1982 bis 1984 zahlreiche Ausstellungen (Aqua sana zeigt) und betreibt eine Lithografie- und Radierwerkstatt. 1987 übersiedelt Zindel nach Basel. 1991 Preis der Stiftung für graphische Kunst in der Schweiz. 1994 erhält er von der der Schweizerischen Bankgesellschaft ein Werkjahr und wird mit dem Manor-Kunstpreis Graubünden ausgezeichnet. In Zusammenarbeit mit der Bündner Kulturwerkstatt In Situ realisiert Zindel seit 1985 szenische Projekte und schafft Bühnenbilder. 1995 hält sich Zindel für einen Arbeitsaufenthalt in Peyriac-de-Mer auf und arbeitet 1996/1997 in der Cité internationale des arts in Paris. Seit 1998 lebt und arbeitet er wieder in Chur. 2002 Anerkennungspreis der Stadt Chur. 2011 Anerkennungspreis des Kantons Graubünden. Zindel betreibt seit 2015 in Chur die Galerie/Edition Z.

Zindels Werk ist durch klar zu definierende Werkgruppen geprägt. Diese tragen bedeutungsschwere Titel wie Das Haus der Unruhe, Das Tuch der Veronika, Scotts Reise zum Südpol, Die Eroberung der Nacht, Tränen des Eros, Marias Nachmittage, Der sterbende Gott, R.E.M., Die Geste des Liebens oder Offene Tätowierung. Es geht dabei um das Freilegen von Realitäten hinter der Oberflächlichkeit der Dinge und um die Visualisierung psychischer Befindlichkeiten, um prekäre Situationen und fatales Scheitern. Bei den mit heftigem Pinselduktus geschaffenen Werken stehen existenzielle Grunderfahrungen wie Angst und Gefährdung, Einsamkeit und Suche, Gewalt und Verletzung, Eros und Tod im Zentrum. Nicht selten lässt sich Zindel von Philosophen und Literaten anregen, etwa von Georges Bataille und dessen Theorie der Transgression, nach der nur das Spiel mit dem Widersprüchlichen das Aufspüren der Wahrheit erlaube.

Gegen Ende der 1980er Jahre wandelt sich die bildkünstlerische Strategie. Die Beschäftigung mit dem Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (Georg Büchner, Lenz, 1836) führt zur Auseinandersetzung mit dem «Gebirg» und mit der Landschaft (S–Z–N – Segantini–Zarathustra– Nietzsche) sowie mit dem Menschen und seiner schicksalhaften Beziehungen zur zeitenthobenen Berglandschaft. Die Werkgruppe (Peyriac de mer) mit den Motiven Krug und Amphore, Brot und Fisch weist einen explizit sakralen Charakter auf. Mit der Bildreihe der Filets, die gewebe- und geflechtartige Strukturen aufweisen, lässt Zindel die Figuration hinter sind und findet zu einer selbstrefenziellen Malerei, bei der die Farbe und die vage Andeutung zunehmend bedeutender werden.

In den 1990er Jahren werden Giottos Fresken in der Scrovegni-Kapelle in Padua zu einem wichtigen Bezugspunkt. Zindel treibt dabei die fundamentale Frage um: Was macht eigentlich ein Bild aus, und was ist erforderlich, um einem Bild Eigentümlichkeit und Würde zu verleihen? Mit dem Verzicht auf jede Gegenständlichkeit geht eine rigide Bildordnung einher. In die Linien und Kreisraster sind wechselnde, symbolträchtige Farben wie Rot, Blau oder Gold eingeschrieben. Die meditative Ruhe und die numinose Räumlichkeit verleihen den Gemälden eine sakrale Entrücktheit (Noli me tangere). Bei den nun rasch aufeinander folgenden Werkgruppen wie Stations of the Cross, Adagio con anima, Adagio ritenuto, adagio sostenuto oder Tina lotet Zindel die elementaren Eigenschaften der Malerei aus: Form und Farbe, Rhythmus und Ruhe, Fläche und Raum, Einheit und Fragment, Fülle und Leere. Gleichsam hinter der geometrischen Stringenz geht es ikonologisch um Fragilität und Grenzüberschreitung, um Emotion und Besänftigung, um Klang und Meditation.

Werke: Chur, Bündner Kunstmuseum; Chur, Graubündner Kantonalbank; Graphische Sammlung ETH Zürich.

Beat Stutzer, 1998, aktualisiert 2019